Da liegt etwas auf dem Boden. Du hast es noch nicht einmal richtig erkannt, aber Dein Hund schon. Er nimmt es ins Maul. Du sagst „Aus!“. Dein Hund schaut Dich an. Du gehst einen Schritt auf ihn zu. Er macht einen Schritt zurück. Und plötzlich befindet Ihr Euch mitten in einer Verhandlung, bei der eine zerknüllte Taschentuchhälfte zum wertvollsten Besitz der Welt geworden ist. Kommt Dir bekannt vor? Hilfreich ist es also, Deinem Hund ein Tauschsignal beizubringen. Das verknüpfen Hunde viel positiver und macht es für Dich zudem im Fall der Fälle leichter.
Warum ein Tauschsignal im Hundetraining sinnvoll ist
Inhaltsverzeichnis
Viele Hunde geben Dinge nur ungern wieder her – auch ich hatte dieses Thema anfangs mit meiner Hündin. Und aus menschlicher Sicht liegt die vermeintlich einfachste Lösung nahe: Maul auf, Gegenstand raus, Problem erledigt. Langfristig kann genau das aber neue Probleme schaffen. Denn wenn Dein Hund lernt, dass Du ihm interessante oder wertvolle Dinge einfach wegnimmst, hat er beim nächsten Fund möglicherweise eine bessere Idee: Schnell runterschlucken, bevor der Mensch kommt – oder Dir unentwegt ausweichen. Ein gut aufgebautes Tauschsignal kann deshalb im Alltag unglaublich wertvoll sein. Dein Hund lernt dabei nicht: „Wenn mein Mensch kommt, verliere ich meine Beute.“ Sondern: „Wenn mein Mensch kommt, könnte sich das für mich sogar lohnen.“ Und genau deshalb ist Tauschen nicht nur praktisch, sondern kann auch Vertrauen schaffen.
Warum ein Tauschsignal bei Hunden sinnvoll ist
Stell Dir vor, jemand würde regelmäßig zu Dir kommen und Dir kommentarlos Dinge aus der Hand reißen. Beim ersten Mal wärst Du vermutlich irritiert. Beim fünften Mal würdest Du wahrscheinlich anfangen, Deine Sachen etwas fester festzuhalten. Bei Hunden ist das Prinzip nicht völlig anders. Ein Gegenstand kann für Deinen Hund einen bestimmten Wert haben. Das kann ein Kauartikel oder Spielzeug sein, aber genauso gut eine Socke, ein benutztes Taschentuch oder irgendein undefinierbares Fundstück vom Wegesrand.
Wenn Du solche Dinge immer wieder einfach wegnimmst, kann Dein Hund lernen, sie vor Dir zu schützen. Manche Hunde laufen damit weg. Andere schlucken besonders schnell. Wieder andere beginnen zu knurren oder entwickeln eine ausgeprägtere Ressourcenverteidigung. Beim Tauschen passiert etwas anderes. Dein Hund gibt etwas ab und bekommt dafür etwas, das sich für ihn ebenfalls oder sogar noch mehr lohnt.
Abgeben bedeutet dadurch nicht automatisch Verlust. Und das ist eine ziemlich praktische Lektion fürs Hundeleben.

Tauschen ist nicht dasselbe wie „Aus“
Ein klassisches „Aus“ soll häufig bedeuten: Lass das los, was Du gerade im Maul hast also einen Abbruch. Das Tauschtraining verfolgt zunächst einen etwas anderen Gedanken. Dein Hund soll freiwillig loslassen, weil er gelernt hat, dass ihm daraus ein Vorteil entsteht. Später kannst Du daraus selbstverständlich ein zuverlässiges Signal entwickeln. Bitte versteh mich nicht falsch: Auch ein Abbruchsignal kann Sinn machen. Dennoch bevorzuge ich persönlich das Tauschen.
Der große Unterschied liegt im Aufbau.
Statt das Maul zu öffnen oder einen Gegenstand herauszuziehen, gibst Du Deinem Hund einen Grund, selbst die Entscheidung zu treffen:
Loslassen lohnt sich. Das macht das Training deutlich konfliktärmer und aus meiner Erfahrung heraus auch zuverlässiger.
Warum ein gutes Tauschsignal sogar gefährliche Situationen verhindern kann
Ein Tauschsignal ist nicht nur praktisch, wenn Dein Hund Deine Socke geklaut hat. Draußen kann es richtig wichtig werden, zum Beispiel bei Gefahren im Herbst.
Hunde finden schließlich eine beeindruckende Auswahl an Dingen, die wir niemals freiwillig in den Mund nehmen würden. Essensreste, Knochen, Verpackungen, Taschentücher, Kastanien oder andere Fremdkörper können innerhalb von Sekunden im Hund verschwinden. Manche davon sind lediglich eklig. Andere können tatsächlich gefährlich werden. Und wird ein unverdaulicher Gegenstand verschluckt, kann schlimmstenfalls ein Darmverschluss entstehen. Auch Vergiftungen stellen eine ernstzunehmende Gefahr dar.
Natürlich ersetzt ein Tauschsignal kein gutes Management. Aber wenn Dein Hund gelernt hat, Dinge bereitwillig abzugeben, musst Du bei einem Fundstück nicht sofort mit ihm darum kämpfen.
So bringst Du Deinem Hund das Tauschen bei
Für die ersten Trainingseinheiten brauchst Du nichts Spektakuläres.
Nimm einen Gegenstand, den Dein Hund gerne mag, der für ihn aber nicht das wertvollste Ding des Universums ist. Ein bekanntes Spielzeug eignet sich beispielsweise gut.
Zusätzlich brauchst Du eine Belohnung, die Dein Hund wirklich attraktiv findet. Beachte hierbei, dass Hunde ein übergeordnetes Motiv haben.
Dann kann es losgehen:
- Lass Deinen Hund den Gegenstand nehmen. Warte einen Moment und halte ihm anschließend Deine Belohnung hin. Sobald er den Gegenstand loslässt, um die Belohnung zu nehmen, markierst Du diesen Moment beispielsweise mit einem Markerwort oder einen Klicker und gibst ihm die Belohnung.
- Gib ihm den Gegenstand anschließend ruhig wieder zurück. Dieser Punkt ist besonders wertvoll. Dein Hund lernt dadurch: Nur weil ich etwas abgebe, ist es nicht automatisch für immer verschwunden.
- Funktioniert das zuverlässig, führst Du Dein Signal ein. Sage beispielsweise „Tausch“, kurz bevor Du erwartest, dass Dein Hund den Gegenstand loslässt. Mit vielen Wiederholungen kann er lernen, das Wort mit dem freiwilligen Abgeben zu verbinden.
Trainiere zunächst in ruhiger und reizarmer Umgebung und mit Gegenständen, bei denen Dein Hund entspannt bleibt. Wenn Du mehrere Hunde hast, könnte es auch Sinn machen, alleine mit dem jeweiligen Hund zu trainieren, damit er nicht die Gefahr sieht, dass der andere Hund den Gegenstand der Begierde kriegen könnte.
Erst wenn das funktioniert, kannst Du die Schwierigkeit langsam erhöhen. Wenn Du unsicher beim Training bist, lasse es Dir von einem Hundetrainer vor Ort zeigen.
Warum Du den Gegenstand manchmal zurückgeben solltest
Dieser kleine Schritt wird beim Training gerne vergessen. Dabei kann er einen großen Unterschied machen. Wenn jeder Tausch immer bedeutet: „Danke, das Ding ist jetzt weg.“ kann Dein Hund irgendwann feststellen, dass das Geschäft doch nicht ganz so fantastisch ist. Deshalb kannst Du im Training häufig tauschen, belohnen und den Gegenstand anschließend wieder freigeben.
Also: Spielzeug abgeben. -> Leckerli bekommen -> Spielzeug zurückbekommen.
Aus Hundesicht ein ziemlich hervorragender Deal. Natürlich gilt das nur für ungefährliche Gegenstände. Die halb verschluckte Socke oder der Fund vom Straßenrand wandert selbstverständlich nicht zurück zum Hund.
Tauschsignal aufbauen: Die Belohnung muss sich lohnen
Ein trockener Futterbrocken gegen den Lieblingskauartikel? Dein Hund wird vermutlich kurz Deine Verhandlungskompetenz infrage stellen. Gerade am Anfang sollte die Belohnung mindestens so interessant sein, dass Dein Hund freiwillig bereit ist, seinen Gegenstand dafür loszulassen.
Was dafür funktioniert, hängt vom Hund ab. Für manche reicht normales Futter. Andere brauchen Käse, besonders gute Leckerchen oder ein anderes Lieblingsspielzeug. Später muss natürlich nicht jedes einzelne „Tausch“ mit kulinarischem Feuerwerk gefeiert werden. Beim Aufbau darfst Du aber ruhig großzügig sein. Du möchtest schließlich zunächst eine sehr klare Erwartung schaffen: Abgeben lohnt sich!
Und im späteren Verlauf solltest Du immer mal wieder etwas besonders als Tauschobjekt bieten. Denn so weiß Dein Hund nie, was ihn tolles erwartet und wird nicht zögern, weil er vielleicht mit etwas nicht so tollem rechnet.
Und wenn mein Hund mit seiner Beute wegläuft?
Dann solltest Du möglichst nicht hinterherrennen. Denn aus „Gib mir bitte die Socke“ wird erstaunlich schnell: BESTES. SPIEL. ALLER. ZEITEN.
Hund rennt. Mensch rennt hinterher. Hund beschleunigt. Mensch flucht. Hund hat gerade einen hervorragenden Nachmittag.

Bleib möglichst ruhig und biete Deinem Hund den bekannten Tausch an. Denke bitte immer daran, dass Dein Hund erst lernen muss, worum es geht. Gerade deshalb solltest Du das Signal zunächst in Situationen trainieren, in denen nichts auf dem Spiel steht. Wenn Dein Hund „Tausch“ nur dann hört, wenn Du dringend etwas von ihm haben möchtest, fehlt Euch die Trainingsgrundlage.
Warum Strafe beim Abgeben nach hinten losgehen kann
Hat Dein Hund etwas Gefährliches aufgenommen, ist es natürlich verständlich, dass Du nervös wirst. Für Deinen Hund sollte das Abgeben trotzdem möglichst keine unangenehmen Konsequenzen haben. Schimpfst Du jedes Mal, greifst hektisch nach ihm oder entreißt ihm Gegenstände, kann er lernen: Mensch nähert sich + ich habe etwas = schlechte Nachrichten.
Das kann dazu führen, dass er schneller schluckt, ausweicht oder seine Ressource verteidigt. Knurren sollte dabei ebenfalls nicht bestraft werden. Es ist ein Kommunikationssignal und zeigt Dir, dass Dein Hund sich in der Situation unwohl fühlt.
Zeigt Dein Hund bereits deutliches Ressourcenverteidigungsverhalten, friert über einem Gegenstand ein, fixiert Dich, knurrt oder schnappt, solltest Du nicht versuchen, das Problem durch immer schwierigere Tauschübungen allein zu lösen. Hier sollte professionelle Unterstützung durch eine qualifizierte Hundetrainerin oder einen qualifizierten Hundetrainer sinnvoll sein.
Tauschen heißt nicht, dass Dein Hund draußen alles aufnehmen darf
Ein zuverlässiges Tauschsignal ist großartig. Noch schöner ist es allerdings, wenn Du es nicht alle drei Meter benötigst. Deshalb lohnt es sich zusätzlich, mit Deinem Hund daran zu arbeiten, gefundene Dinge gar nicht erst aufzunehmen. Ein gut trainiertes Abbruch- oder „Lass es“-Signal ergänzt das Tauschen hervorragend.
Vereinfacht gesagt: „Lass es“ bedeutet: Nimm es gar nicht erst. „Tausch“ bedeutet: Du hast es schon? Dann gib es mir bitte. Beides zusammen ergibt ein ziemlich praktisches Sicherheitsnetz für den Alltag. Und noch ein Tipp: Nutze Wörter, die Du nicht so häufig im Alltag benutzt. „Aus“ oder „Nein“ ist ein sehr gängiges Wort, was schnell an Bedeutung verliert. Überlege Dir ein Wort, dass zwar einprägsam und einfach ist, aber eben nicht andauernd genutzt wird. So eben wie Tausch oder gerne auch „Share“, wenn englische Wörter nutzen wir noch seltener im Alltag (wenn wir mal von cringe, weird, etc absehen ;-) )
Bei Hunden, die draußen extrem schnell alles herunterschlucken, kann zusätzlich ein gut sitzender Fressschutz beziehungsweise geeigneter Maulkorb sinnvoll sein.
Was tun, wenn es wirklich schnell gehen muss?
So schön freiwilliges Tauschen im Training ist: In einem echten Notfall steht selbstverständlich die Sicherheit Deines Hundes an erster Stelle. Hat Dein Hund beispielsweise Medikamente, Giftköder, einen scharfen Gegenstand oder etwas anderes akut Gefährliches aufgenommen, geht es nicht darum, eine perfekte Trainingseinheit daraus zu machen.
Entferne die Gefahr, wenn das sicher möglich ist, und hole je nach Situation sofort tierärztliche Hilfe. Ein Tauschsignal ist kein Versprechen, dass Dein Hund in jeder denkbaren Situation zuverlässig reagiert. Es erhöht aber die Chance, dass ausgerechnet dann, wenn Du etwas dringend von ihm brauchst, bereits ein gut geübtes Verhalten zur Verfügung steht. Und es findet auf Augenhöhe statt ohne ein wirkliches Machtgefälle (abgesehen von dem Punkt, dass Du die bessere Belohnung hast ;-) ).
Tauschsignal schafft Vertrauen statt Konkurrenz
Vielleicht ist das sogar der schönste Nebeneffekt des Trainings. Dein Hund muss Dich nicht als Konkurrenten um seine Ressourcen erleben. Er kann lernen, dass Deine ausgestreckte Hand nicht automatisch bedeutet: „Jetzt ist mein Schatz weg.“
Manchmal bedeutet sie Käse. Manchmal bedeutet sie ein anderes Spielzeug. Und manchmal bekommt er seinen Schatz danach sogar wieder.
Aus einem kleinen Alltagssignal entsteht dadurch etwas ziemlich Großes: Dein Hund lernt, dass Zusammenarbeit sich lohnt. Und Du musst beim nächsten geklauten Taschentuch hoffentlich nicht mehr quer durchs Wohnzimmer sprinten, während Dein Hund mit der Beute im Maul begeistert seine persönliche Ehrenrunde dreht. Tauschen statt kämpfen. Für mehr Sicherheit, weniger Konflikte und einen Hund, der seine Fundstücke freiwillig hergibt. Zumindest meistens.
Bei einer wirklich guten Socke können die Verhandlungen trotzdem etwas länger dauern.
Bildnachweis:depositphotos.com Golden retriever dog playing with rubber ball in park @ AllaSerebrina, Little cute obedient dog holds a shoe by clicker training – Jack @ thaka11 und Dog beagle Pulls strap toy sock and Tug-of-War Game in garden ou @ iciakp





